Flächeninanspruchnahme
Diagramm

Grafik: BfN (2010), Daten: Statistisches Bundesamt (2009)
Kurzfassung
| Themenfelder der NBS | B 2.7 Flächeninanspruchnahme für Siedlung und Verkehr, C 9 Siedlung und Verkehr |
|---|---|
| Definition | Der Indikator gibt Auskunft über die Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt durch Flächeninanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrszwecke. |
| Gemessene oder beobachtete Größe | Durchschnittliche Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche in ha pro Tag (gleitendes Vierjahresmittel) |
| Letzter berichteter Wert | 94 ha (Stand: 2009) |
| Ziel/Zielwert | Bis zum Jahr 2020 soll die Inanspruchnahme neuer Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke auf durchschnittlich 30 ha pro Tag reduziert werden. |
| Status | |
| Trend | |
| Kernaussage | Das gleitende Vierjahresmittel ist von 129 ha pro Tag im Jahr 2000 auf 94 ha pro Tag im Jahr 2009 gesunken. Trotz des positiven Trends ist der aktuelle Wert noch sehr weit vom Zielwert entfernt. Daher müssen Instrumente zur Reduzierung der Flächeninan-spruchnahme gestärkt und konsequent angewandt werden. |
| Indikatorensystem | NHS, KIS, LIKI |
Einführung

Neubaugebiet auf der „Grünen Wiese“ © Rainer Sturm
Unbebaute Flächen sind eine begrenzte und gleichwohl begehrte Ressource. Um ihre Nutzung konkurrieren z. B. Land- und Forstwirtschaft, Siedlung und Verkehr, Naturschutz, Rohstoffabbau und Energieerzeugung, wobei sich insbesondere die Siedlungs- und Verkehrsflächen stetig ausdehnen. Unbebaute Flächen sind notwendig, um die Leistungen des Naturhaushaltes für den Menschen zu sichern, die biologische Vielfalt zu erhalten und dem Menschen die Erholung in der freien Natur und auf Freiflächen zu ermöglichen. Flächen, die für Siedlungen und Verkehr genutzt werden, gehen dort als Flächen für die Land- und Forstwirtschaft oder für naturnahe Entwicklungen verloren.
Zu den direkten Umweltfolgen der Ausweitung von Siedlungs- und Verkehrsflächen zählen der Verlust der natürlichen Bodenfunktionen durch Versiegelung, der Verlust fruchtbarer landwirtschaftlicher Flächen oder der Verlust naturnaher Flächen mit ihrer Biodiversität. Zudem zieht jede Neuerschließung von Bauflächen im Umfeld der Städte und außerhalb der bisherigen Siedlungskerne weiteren Verkehr und Flächenzerschneidung nach sich. Dies führt zu Folgelasten wie Lärm und Schadstoffemissionen, aber auch zu erhöhtem Aufwand für die Bereitstellung der nötigen Infrastruktur. Der Indikator „Flächeninanspruchnahme“ wurde als Schlüsselindikator für die Nachhaltigkeit der Raumnutzung im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie ausgewählt und in die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt übernommen. Er wird aktuell auch im Indikatorenbericht 2010 zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie berichtet (Statistisches Bundesamt 2010).
Definition
Der Indikator bildet die durchschnittliche Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche in Hektar pro Tag in Deutschland ab. Die im Indikator berücksichtigten Flächen umfassen „Gebäude- und Freifläche, Betriebsfläche (ohne Abbauland)“, „Erholungsfläche, Friedhof“ sowie „Verkehrsfläche“. Siedlungs- und Verkehrsfläche und versiegelte Fläche können nicht gleichgesetzt werden, da in die Siedlungs- und Verkehrsfläche auch unbebaute und nicht versiegelte Flächen eingehen. Auf aktuellen Studien beruhende Schätzungen ergeben für die Siedlungs- und Verkehrsfläche einen Versiegelungsgrad von 43 bis 50 %. Auch unter den Erholungsflächen gibt es solche, die versiegelt sind (z. B. Sportplätze).
Mit dem Beschluss der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie im April 2002 folgte die Bundesregierung der Empfehlung des Rats für Nachhaltige Entwicklung und legte für das Jahr 2020 als Zielwert eine durchschnittliche tägliche Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke von höchstens 30 ha fest. Der Verlauf des Indikators zeigt an, ob es künftig gelingen wird, die Ausweitung von Siedlungs- und Verkehrsflächen zu Lasten naturnäherer Lebensräume zu begrenzen.
„Die Bundesregierung hat sich in der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zum Ziel gesetzt, bis 2020 die Inanspruchnahme neuer Siedlungs- und Verkehrsflächen auf höchstens 30 ha pro Tag zu verringern.“ (BMU 2007: 78)
Aufbau
Die im Indikator berücksichtigten Flächen umfassen:
- Gebäude- und Freiflächen, Betriebsflächen (ohne Abbauland)
- Erholungsflächen, Friedhöfe
- Verkehrsflächen
Als Datengrundlage dienen die Angaben der automatisierten Liegenschaftsbücher zu Siedlungs- und Verkehrsflächen, die von den Statistischen Landesämtern ausgewertet und vom Statistischen Bundesamt zusammengeführt werden. Um einen anschaulichen Indikatorwert zu erhalten, wird die Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche für jedes bilanzierte Jahr als Mittelwert in Hektar pro Tag berechnet. Da auf ein einzelnes Jahr bezogene Aussagen häufig durch externe Effekte – in erster Linie methodische Umstellungen in den amtlichen Liegenschaftskatastern – beeinflusst sind, spiegeln mehrjährige Durchschnittswerte (hier das gleitende Vierjahresmittel dargestellt als Kurve) die langfristige Entwicklung besser wieder.
Aussage
Die Werte des gleitenden Vierjahresmittels zeigen, dass die Inanspruchnahme neuer Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke seit 2000 zurückgegangen ist. Während der Wert des gleitenden Vierjahresmittels im Jahr 2000 noch bei 129 ha pro Tag lag, ist er bis zum Jahr 2009 auf 94 ha pro Tag gesunken. Im Jahr 2009 entfielen im Einzelnen von der Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche (78 ha pro Tag) auf Gebäude- und Freiflächen sowie Betriebsflächen 28 ha pro Tag, auf Erholungsflächen und Friedhöfe 32 ha pro Tag sowie auf Verkehrsflächen 18 ha pro Tag. Vor allem die erwähnten Umstellungsarbeiten in den Liegenschaftskatastern begründen dabei den in den letzten Jahren relativ hohen Anteil von Erholungsflächen am Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche.
Die Zunahme der Verkehrsflächen ist über den gesamten bilanzierten Zeitraum unverändert hoch. Die entsprechenden Werte schwanken zwischen 18 und 25 ha pro Tag. Die Straßenverkehrsfläche hat sich zwischen 1992 und 2008 um 5,9 % erhöht. Die noch deutlichere Zunahme der gefahrenen Kilometer um 17,0 % in diesem Zeitraum zeigt, dass sich gleichzeitig die Nutzung der vorhandenen Straßen weiter intensiviert hat und hier keine Trendwende zu erwarten ist. Wichtig im Hinblick auf die künftige Entwicklung erscheint zudem die Erkenntnis, dass die Siedlungsfläche der privaten Haushalte in der Zeit von 1992 bis 2008 um 28,3 % angestiegen ist, was im wesentlichen auf den deutlich gestiegenen Wohnflächenanspruch pro Kopf (Anstieg um 18,5 % zwischen 1992 und 2006) zurückzuführen ist.
Eine Fortsetzung der durchschnittlichen jährlichen Entwicklung der letzten Jahre würde nicht genügen, das Reduktionsziel von maximal 30 ha täglicher Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke bis zum Jahr 2020 zu erreichen. Es ist daher notwendig, Instrumente zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme in allen Bereichen der Siedlungs- und Verkehrsflächen weiter konsequent zu stärken. In der Siedlungsentwicklung ist insbesondere auf die Wiedernutzung von Industrie- und anderen Flächenbrachen zu setzen. Innenentwicklung ist vor Außenentwicklung durchzuführen. Die Inanspruchnahme neuer Flächen für Verkehrszwecke soll in Zukunft, entsprechend den Zielsetzungen der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, zurückgehen. Handlungsbedarf besteht außerdem in Hinblick auf eine Sensibilisierung der privaten Haushalte für eine stärkere Reduzierung der Neuinanspruchnahme von Siedlungsflächen.
Die Bundesregierung hat sich bei der Flächeninanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrszwecke u.a. folgende Ziele gesetzt (BMU 2007: 51):
- Umlenkung der Flächeninanspruchnahme auf die Wiedernutzbarmachung von Flächen
- Nachverdichtung und andere Maßnahmen zur Innenentwicklung, Ziel ist ein Verhältnis von Innenentwicklung zu Außenentwicklung von insgesamt 3:1
- Veränderung der ökonomischen und fiskalischen Rahmenbedingungen für einen sparsamen Umgang mit Flächen und die Aktivierung von Brachen und Altstandorten
- Konsequente Anwendung des vorhandenen Planungsinstrumentariums zur Verminderung der Flächeninanspruchnahme und, sofern erforderlich, Weiterentwicklung der Planungsinstrumente
- Intensivierung der interkommunalen Kooperation bei der Ausweisung von Standorten für Wohn- und Gewerbeflächen auf der Grundlage bereits heute existierender Pilotprojekte ab sofort

