Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft
Diagramm

Grafik: BfN (2010), Daten: Institut für Pflanzenbau und Bodenkunde, Julius Kühn-Institut und Institut für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement, Universität Gießen (2010)
Kurzfassung
| Themenfelder der NBS | B 2.4 Landwirtschaft, C 6 Land- und Forstwirtschaft, C 10 Versauerung und Eutrophierung |
|---|---|
| Definition | Der Indikator gibt Auskunft über die Entwicklung der Stickstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft. |
| Gemessene oder beobachtete Größe | Differenz zwischen Stickstoffflüssen in die Landwirtschaft und Stickstoffflüssen aus der Landwirtschaft (Gesamtsaldo nach dem Prinzip der Hoftor-Bilanz) |
| Letzter berichteter Wert | 105 kg/ha*a (Stand: 2007) |
| Ziel/Zielwert | Bis zum Jahr 2010 sollen die Stickstoffüberschüsse in der Gesamtbilanz auf 80 kg/ha landwirtschaftlich genutzter Fläche und Jahr verringert werden. Darüber hinaus wird eine weitere Verringerung bis zum Jahr 2015 angestrebt. |
| Status | |
| Trend | |
| Kernaussage | Von 1991 bis 2007 ist der Stickstoffüberschuss von 132 kg/ha und Jahr auf 105 kg/ha und Jahr gesunken (gleitendes Dreijahresmittel). Der aktuelle Wert liegt noch weit über dem angestrebten Zielwert von 80 kg/ha und Jahr. |
| Indikatorensystem | NHS, KIS, LIKI, SEBI |
Einführung

Ausbringung von Gülle auf einer Fettwiese © *lahja* /
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In der Landwirtschaft werden Stickstoffverbindungen als Pflanzennährstoffe eingesetzt. Durch gezielte Düngung und Fruchtfolgegestaltung sollen die bei der Produktion den Böden entnommenen Nährstoffe ersetzt werden, um die Erträge, die Qualität von Ernteprodukten sowie die Bodenfruchtbarkeit langfristig zu sichern. Nicht von den Nutzpflanzen aufgenommene Stickstoffverbindungen führen jedoch – soweit sie nicht in den landwirtschaftlichen Böden gespeichert werden – zur Belastung von Grundwasser, Binnengewässern, Meeren und Landökosystemen sowie außerdem zur Entstehung von Treibhausgasen und versauernden Luftschadstoffen. Stickstoffverbindungen gelangen nicht nur aus dem Pflanzenbau auf landwirtschaftlich genutzte Flächen (62 %), sondern auch aus weiteren Quellen wie der Tierproduktion (33 %) sowie zu einem Anteil von 5 % über den Luftpfad bspw. aus Verkehr, Industrie und Haushalten.
Für die biologische Vielfalt stellt die eutrophierende und versauernde Wirkung von Stickstoffeinträgen eine erhebliche Belastung dar. Nach den düngerechtlichen Regelungen dürfen Düngemittel nur nach guter fachlicher Praxis angewandt werden. Diese besagt, dass Art, Menge und Zeitpunkt der Anwendung am Bedarf der Pflanzen und des Bodens ausgerichtet werden. Die Anreicherung von Nährstoffen in Binnen- und Küstengewässern zeigt aber, dass diffuse Einträge u.a. von Stickstoffverbindungen insbesondere in Gebieten mit intensiver landwirtschaftlicher Bodennutzung und Viehhaltung nach wie vor zu hoch sind. Ebenso resultieren aus zu hohem Düngemitteleinsatz insbesondere auf ackerbaulich genutzten Böden deutlich überhöhte Nitratgehalte im Grundwasser.
Die Bilanzierung des Stickstoffeinsatzes in der Landwirtschaft (Ackerbau und Tierhaltung) ist ein Indikator zur Dokumentation, Analyse und Bewertung der Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Nutzung im weitesten Sinne. Er ist Bestandteil des Indikatorensets der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie und wird aktuell auch im Indikatorenbericht 2010 zu dieser Strategie berichtet (Statistisches Bundesamt 2010). Der Indikator steht in enger Beziehung zu den Indikatoren „Ökologischer Gewässerzustand“ und „Eutrophierende Stickstoffeinträge“ der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt.
„Stoffliche Einträge haben erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, da sie die Lebens- und Standortbedingungen verändern.“ (BMU 2007: 80)
Definition
Der Indikator trifft Aussagen zur Entwicklung der Belastung der Umweltmedien und Lebensräume durch Stickstoff aus der Landwirtschaft. Dabei lässt der Aggregationsgrad keine Aussagen über regionale Überschüsse zu, da er nach dem Prinzip einer Gesamtbilanz errechnet wird. Er gibt dazu die Differenz an zwischen Stickstoffflüssen in die Landwirtschaft und Stickstoffflüssen, die aus ihr herausgehen. Der Gesamtsaldo wird nach dem Prinzip der Hoftor-Bilanz berechnet, d. h. Stickstoffflüsse im innerwirtschaftlichen Kreislauf werden – mit Ausnahme der inländischen Futtermittelerzeugung – nicht ausgewiesen. Die errechneten jährlichen Stickstoffüberschüsse in kg/ha landwirtschaftlich genutzter Fläche sind Mittelwerte für Deutschland und nicht für die Ebene der Betriebe.
Die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse findet überwiegend in offenen Systemen und über einen langen Zeitraum statt. Zudem sind nicht alle Stickstoffverbindungen in gleicher Weise pflanzenverfügbar. Dies bedeutet, dass eingesetzte Stoffe, so auch Stickstoff, nicht vollständig ausgenutzt werden können. Zudem verbleiben mit den Ernterückständen N-Mengen auf dem Feld, die bei einigen Kulturarten (z. B. Raps, Gemüse) erheblich sein können und im Stickstoffüberschuss enthalten sind. Diese Ernterückstände sind für den Humusgehalt der Böden und somit für die Bodenfruchtbarkeit wichtig. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung als konkreten Zielwert festgelegt, die Stickstoffüberschüsse der landwirtschaftlichen Produktion in der jährlichen Gesamtbilanz auf 80 kg/ha landwirtschaftlich genutzter Fläche bis zum Jahr 2010 zu reduzieren. Darüber hinaus wird eine weitere Verringerung bis zum Jahr 2015 angestrebt.
„Die errechneten Stickstoffüberschüsse sind Mittelwerte für Deutschland und eine Maßzahl für die potenziellen Einträge ins Grundwasser, in Oberflächengewässer und in die Luft.“ (BMU 2007: 131)
In der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt setzt die Bundesregierung folgende Ziele fest: „Verringerung des Stickstoffüberschusses in der Gesamtbilanz bis 2010 auf 80 kg/ha, angestrebt wird eine weitere Verringerung bis 2015“ (BMU 2007: 48).
Aufbau
In einer Gesamtbilanz wird die Menge der Stickstoffverbindungen, die jährlich in die Landwirtschaft hinein- und hinausfließen berechnet oder näherungsweise abgeschätzt (siehe Abb. unten). Dabei werden Stickstoffzufuhren mit Düngemitteln, durch atmosphärische Deposition, biologische Stickstofffixierung, mit Saat- und Pflanzgut sowie mit Futtermitteln aus inländischer Erzeugung und aus Importen berücksichtigt. Die Stickstoffabfuhr enthält nur Stickstoff aus pflanzlichen und tierischen Marktprodukten.
Wichtige Einzeldaten stammen aus den Agrarstrukturerhebungen des Statistischen Bundesamtes sowie aus den Statistischen Jahrbüchern über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des BMELV. Bestands- bzw. Vorratsänderungen (u.a. Viehzahlen, Dünge- und Futtermittel) auf Betriebsebene werden nicht berücksichtigt. Liegen keine exakten Erhebungen vor (z. B. für gasförmige Verluste), werden Näherungswerte verwendet.
Die Methodik zur Bilanzierung des Indikators wurde auf Bundesebene überarbeitet, und die Daten des gesamten Berichtszeitraums wurden auf dieser Grundlage neu berechnet. Als maßgebliche Zeitreihe dient das gleitende Dreijahresmittel bezogen auf das jeweils mittlere Kalenderjahr. Durch die Mittelung werden u.a. die nicht zu beeinflussenden witterungs- und marktabhängigen jährlichen Schwankungen in der Darstellung des Indikatorverlaufs abgemildert.
Aussage
Von 1991 bis 2007 ist der Stickstoffüberschuss von 132 kg/ha und Jahr auf 105 kg/ha und Jahr gesunken (gleitendes Dreijahresmittel). Das entspricht einem Rückgang gegenüber 1991 um etwas mehr als 20 %. Allerdings liegt der aktuelle Wert noch weit über dem angestrebten Zielwert von 80 kg/ha und Jahr.
Der deutliche Rückgang der Stickstoffüberschüsse zu Beginn der Zeitreihe resultierte aus den abnehmenden Tierbeständen in den neuen Bundesländern. Der im Verlauf der Zeitreihe nur noch schwache weitere Rückgang seit 1993 beruht auf Effizienzgewinnen bei der Stickstoffnutzung (Ertragssteigerungen in der Pflanzenproduktion und eine höhere Futterverwertung bei Nutztieren). Während sich die Stickstoffzufuhr zwischen 1991 und 2007 nur wenig verringerte (auf 193 kg/ha und Jahr bzw. um -4,5 %), ist die Stickstoffabfuhr seit 1991 um 27 % (auf 88 kg/ha und Jahr) angestiegen. Analysen von Betriebsdaten belegen, dass hohe Überschüsse vor allem in Betrieben mit hohem Viehbesatz anfallen. Es zeigt sich auch, dass selbst in Vieh haltenden Betrieben mit vergleichbarer Produktionsstruktur eine hohe Bandbreite unterschiedlicher Stickstoffüberschüsse auftritt. Dies lässt darauf schließen, dass weitere Minderungspotenziale bestehen, um die Effizienz der Stickstoffnutzung zu verbessern, z. B. durch Optimierung des betrieblichen Nährstoffmanagements, standortabgestimmte Bewirtschaftungsmaßnahmen, geeignete Nutzpflanzensorten und einen Tierbesatz, der die Verwertung der anfallenden organischen Dünger auf den zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen nach guter fachlicher Praxis zulässt.


